Zugängliches Gaming: Warum Spaß ein legitimer Grund für den Einsatz von Assistenztechnologie ist
Ich saß in einem Wohnzimmer, die Kamera in der Hand, und beobachtete eine kleine Gruppe beim Spielen von Mario Kart. Es war schon immer eines meiner Lieblingsspiele, seit den Zeiten der Nintendo Wii. Zwei der Spieler saßen auf dem Sofa und nutzten Standard-Controller, während der dritte in seinem Elektrorollstuhl saß und sein Eye-Tracking-System nutzte, um über die Strecke zu rasen. Das erste Rennen verlor er, aber auf den nächsten beiden Strecken war er klarer Sieger, was zu gutmütigem Necken und scherzhaftem Geplänkel zwischen den Fahrern führte. Dank des HomeBrace Systems MyEcc Prop ist er es schon gewöhnt seinen Elektrorollstuhl mit den Augen zu steuern – ob das wohl ein unfairer Vorteil war? Nachdem wir das Haus verlassen hatten, dachte ich noch lange über das nach, was ich erlebt hatte.
Assistive Technologie wird häufig nur im Zusammenhang mit Notwendigkeit betrachtet: zur Schule gehen, arbeiten, Termine wahrnehmen oder alltägliche Aufgaben bewältigen. All das ist enorm wichtig aber es ist nicht alles im Leben. Menschen brauchen auch Freundschaft, Freizeit, Identität, Entspannung, Wettbewerb, Kreativität und Spaß.
Dieser breitere Blick ist entscheidend, denn gesellschaftliche Teilhabe bedeutet nicht nur Produktivität oder Überleben. Es geht auch um Zugehörigkeit. Die Teilnahme an Spielen, Hobbys, gemeinsamen Interessen und Freizeitaktivitäten gehört zu dem, was das Leben sinnvoll macht – und Menschen mit Behinderungen sollten die gleichen Möglichkeiten haben, diese Erfahrungen zu genießen wie alle anderen.
Gaming ist eines der deutlichsten Beispiele dafür. Für viele Menschen sind Spiele Orte, an denen Freundschaften gepflegt werden, Familien Zeit miteinander verbringen, Gemeinschaften entstehen und Selbstvertrauen wächst. Gaming kann soziale Verbindung, Erfolgserlebnisse, Eskapismus, Teamarbeit und Freude bieten. Der Ausschluss vom Gaming kann daher auch Ausschluss aus Peer-Gruppen, Jugendkultur, Online-Communities und Familienleben bedeuten.
Spaß ist kein Luxus
Es gibt manchmal die unausgesprochene Annahme, dass Assistenztechnologie nur dann gerechtfertigt ist, wenn sie Bildung, Arbeit, Kommunikation, Mobilität oder Selbstversorgung unterstützt. Diese Sichtweise ist zu eng. Freizeit und Erholung sind legitime Bestandteile eines guten Lebens und sollten nicht als optional betrachtet werden, nur weil sie Spaß machen.
Menschen mit Behinderungen sollten nicht beweisen müssen, dass eine Aktivität einen therapeutischen, pädagogischen oder wirtschaftlichen Nutzen hat, bevor ihre Zugangsbedarfe ernst genommen werden. Freude allein ist ausreichend. Die Möglichkeit, sich zu entspannen, zu spielen, zu konkurrieren, Kontakte zu pflegen und an Popkultur teilzunehmen, ist eine Frage der Lebensqualität – kein Luxus.
Wenn Finanzierungssysteme oder Versorgungsmodelle Gaming als nebensächlich abtun, senden sie damit die Botschaft, dass Menschen mit Behinderungen Unterstützung zum Funktionieren verdienen, aber nicht zur Zugehörigkeit. Das ist keine Inklusion.
Gaming und soziale Teilhabe
Gaming ist oft sozial, auch wenn es von außen manchmal anders wirkt. Es kann bedeuten, nach der Schule mit Freunden online zu sprechen, einem Club oder Team beizutreten, kooperativ mit Geschwistern zu spielen, mit einem Publikum zu streamen oder einfach über dieselben Spiele sprechen zu können wie alle anderen.
Für manche Menschen mit Behinderungen eröffnet Gaming einen Zugang zu Gemeinschaft, wenn andere Umgebungen physisch oder sozial nicht zugänglich sind. Online-Multiplayer-Räume, Sprachchat, gemeinsames Spielen und geteilte Interessen können Verbindung stärken. Zugängliches Gaming unterstützt daher nicht nur Unterhaltung, sondern auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
Das ist besonders wichtig für Kinder und Jugendliche, deren Freundschaften oft rund um gemeinsames Spielen entstehen. Es ist aber ebenso relevant für Erwachsene, die später im Leben eine Beeinträchtigung erwerben und ihre Hobbys und sozialen Verbindungen erhalten möchten.
Gaming und Lebensqualität
Lebensqualität wird von weit mehr bestimmt als der Fähigkeit, notwendige Aufgaben zu erfüllen. Sie umfasst auch Freude, Selbstausdruck, emotionales Wohlbefinden, Selbstvertrauen und das Gefühl, dass das Leben weiterhin Dinge bereithält, auf die man sich freuen kann.
Zugängliches Gaming kann dazu auf ganz praktische Weise beitragen. Es kann Menschen ermöglichen, während einer Krankheit in Kontakt zu bleiben, nach einer Verletzung Selbstvertrauen zurückzugewinnen, ein geliebtes Hobby trotz veränderter Umstände fortzuführen oder einfach die Freude am Spiel auf eigene Weise zu erleben.
Für manche kann Gaming auch Ausdauer, Koordination oder Kommunikationsroutinen unterstützen. Aber selbst wenn das nicht der Fall ist, bleibt die Freude daran ein legitimes Ergebnis. Ein gutes Leben besteht nicht nur aus notwendigen Tätigkeiten.
Beispiele für assistive Technologien im Gaming
Die Technologien, die den Zugang zu Gaming ermöglichen, sind vielfältig und oft stark individualisiert. Einige Spieler nutzen adaptive Controller mit großen Tasten, Schaltern, leichtgängigen Triggern oder alternativen Joysticks. Andere verwenden einhändige Controller, individuell angepasste Halterungen, Kinnsteuerungen, Fußsteuerungen oder kopfgesteuerte Eingabemethoden.
Eye-Tracking-Systeme ermöglichen es Menschen mit sehr eingeschränkter Bewegung, Menüs zu navigieren, Optionen auszuwählen oder Spiele ausschließlich mit den Augen zu steuern. Mundgesteuerte Geräte – etwa Sip-and-Puff-Systeme oder joystickähnliche Lösungen – bieten eine weitere Möglichkeit, wenn die Nutzung der Hände eingeschränkt ist. Auch Sprachsteuerung kann Teil eines Setups sein, insbesondere bei progressiven Erkrankungen.
Entscheidend ist, dass das Setup auf die Person zugeschnitten ist. Zugängliches Gaming bedeutet selten ein Standardgerät – vielmehr geht es darum, verschiedene Lösungen so zu kombinieren, dass sie zu Bewegung, Komfort, Ausdauer und Zielen einer Person passen.
Praxisbeispiele
Organisationen und Initiativen im Bereich Barrierefreiheit zeigen seit Jahren, wie das in der Praxis aussieht. SpecialEffect unterstützt Menschen mit komplexen körperlichen Beeinträchtigungen dabei, Spiele mithilfe von Schaltern, Kopfsteuerung, Eye-Tracking, Spracheingabe und individuellen Anpassungen zu spielen. Ihre Fallstudien zeigen, wie Gaming nicht nur Spiel ermöglicht, sondern auch Selbstvertrauen, familiäre Interaktion und ein Gefühl von Normalität stärkt.
Ein Spieler mit Rückenmarksverletzung nutzt beispielsweise eine Kombination aus Kopf- und Mundsteuerung sowie strategisch platzierten Schaltern, um kompetitiv zu spielen. Ein anderer Spieler mit motorischer Neuronen-Erkrankung wechselte im Laufe der Zeit von verschiedenen Eingabemethoden zu Sprachsteuerung und schließlich zu Eye-Tracking, um weiterhin Strategie- und Abenteuerspiele spielen zu können. SpecialEffect berichtet auch von einem Spieler mit dystonem Parkinson-Syndrom, der Kinn-, Fuß- und Handsteuerung kombiniert, um Schmerzen und Ermüdung zu reduzieren.
Auch im deutschsprachigen Raum entstehen zunehmend Strukturen für barrierefreies Gaming. Die Initiative Gaming ohne Grenzen vernetzt Gamer und Gamerinnen mit und ohne Behinderung sowie Experten aus Industrie, Spielejournalismus und Wissenschaft. So entsteht ein Austausch, der Ideen schneller in konkrete Lösungen übersetzt und Barrierefreiheit gezielt voranbringt.
Wie wirkungsvoll diese Verbindung aus Erfahrung und Praxis ist, zeigt sich auch in unserem Team: Dennis (WheelyWorld) ist selbst betroffen und nutzt die Mundsteuerung Quadstick nicht nur zum Arbeiten sondern auch für Videospiele. Mit spezialisierten Controllern und individuell angepassten Setups ermöglicht er sich den Zugang zu Spielen, die auf den ersten Blick nicht zugänglich erscheinen.
Gleichzeitig geht seine Rolle weit über das eigene Gaming hinaus: Er ist tief in der Accessible-Gaming-Community aktiv, unterstützt andere Betroffene beim Einstieg, hilft bei der Auswahl und Einrichtung von Lösungen und teilt sein Wissen aus erster Hand. So wird aus individueller Erfahrung konkrete Unterstützung und aus technischer Möglichkeit echte Teilhabe.
Internationale Organisationen wie AbleGamers zeigen eine große Bandbreite an Gaming-Setups, darunter adaptive Hubs, Switch-Interfaces und mundgesteuerte Controller wie den Quadstick. Zudem spielen zunehmend Mainstream-Produkte eine Rolle, etwa der Xbox Adaptive Controller, Sonys Access Controller für die PlayStation 5 oder adaptive Gaming-Zubehörlösungen von Logitech.
Warum das für Politik und Praxis relevant ist
Wenn Politik und Versorgungssysteme Assistenztechnologien wirklich im Sinne von Teilhabe, Würde und Inklusion verstehen, dürfen sie nicht bei Arbeit oder Selbstversorgung aufhören. Auch Freizeit, Kultur und Gemeinschaft sind zentral. Gaming ist Teil dieser erweiterten Teilhabe und sollte von Förderstellen, Dienstleistern, Bildungseinrichtungen und politischen Entscheidungsträgern entsprechend anerkannt werden.
Es ist zudem eine Frage der Gleichberechtigung. Nicht-behinderte Menschen müssen ihre Freizeit selten rechtfertigen. Es wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie ein Recht auf Hobbys, Unterhaltung und Freude haben. Diese Selbstverständlichkeit sollte auch für Menschen mit Behinderungen gelten.
Niemand sollte begründen müssen, warum Spaß „nützlich“ ist, um Zugang dazu zu erhalten.
Fazit
Gaming und Spaß sind legitime Gründe für den Zugang zu assistiver Technologie, denn Menschen mit Behinderungen haben Anspruch auf mehr als reine Funktionalität. Sie haben Anspruch auf Freundschaft, Freude, Identität, Kultur und Zugehörigkeit.
Zugängliches Gaming kann soziale Teilhabe und Lebensqualität auf vielfältige Weise fördern. Es ermöglicht Verbindung, erhält wichtige Hobbys, schafft Zugang zu gemeinsamer Kultur und bietet die einfache, aber essentielle Freude am Spielen. Das allein ist Grund genug, es ernst zu nehmen.
Wenn wir über Assistenztechnologien sprechen, sollten wir klar sagen: Menschen brauchen Unterstützung nicht nur, um zu überleben, um zu lernen oder zu arbeiten – sondern auch, um zu lachen, zu spielen, zu entdecken, zu gestalten, sich auszutauschen und Spaß zu haben.
Quellen und weiterführende Links
- Wheelyworld. Alles reine Kopfsache!
https://wheelyworld.de/ - Gaming ohne Grenzen. Netzwerk Barrierefreies Gaming.
https://www.gaming-ohne-grenzen.de/netzwerk/ - World Health Organization. Assistive technology overview and policy framing.
https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/assistive-technology - World Health Organization and UNICEF. Global report and wider framing of assistive technology, participation and wellbeing.
https://www.who.int/publications/i/item/9789240049451 - SpecialEffect. UK charity focused on accessible gaming, fun and inclusion.
https://www.specialeffect.org.uk/ - SpecialEffect. Case studies on customised gaming access.
https://www.specialeffect.org.uk/news/the-best-medicine - AbleGamers. Adaptive gaming equipment and access options.
https://ablegamers.org/adaptive-gaming-equipment/ - Microsoft. Xbox Adaptive Controller.
https://www.microsoft.com/en-gb/d/xbox-adaptive-controller/8nsdbhz1n3d8 - PlayStation. Access controller for PS5.
https://www.playstation.com/en-gb/accessories/access-controller/ - Logitech G. Adaptive gaming kit and accessories.
https://www.logitechg.com/ - National Library of Medicine / PMC. Review discussing gaming and social connection in motor neurone disease.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11704651/